Irische Trockenmauern werden UNESCO-Welterbe
Immateriellen Welterbe lässt sich auf der grünen Insel sogar erlernen – Workshop vermittelt Kunst des uralten Naturhandwerks

Frankfurt am Main, 18.2.2025 – Trockenmauern gehören zur irischen Landschaft wie grüne Wiesen und weiße Schafe. Hier wie in anderen europäischen Ländern dienen die ästhetischen Naturbauten aber nicht nur zur Grundstücksabgrenzung, sondern erfüllen auch ökologische und soziale Zwecke – und das über lange Zeiträume. Einige beeindruckende Beispiele sind bis zu fünf Jahrtausende alt, die meisten trotzen seit Jahrhunderten Wind und Wetter. Die nur unter Verwendung von Natursteinen, also ohne Mörtel oder Zement gebauten Trockenmauern sind einfach enorm beständig. Das liegt nicht zuletzt an der aufwändigen Handarbeit. Das sorgfältige Vermessen und Einpassen der individuellen Steine sorgt eben für erstaunliche Stabilität und das bei einer Flexibilität, die Beton und Co. nicht leisten. Plus: Die Steinzwischenräume bieten zahlreichen Tierarten wie Insekten und Reptilien einen Lebensraum und tragen so zur Förderung des ökologischen Gleichgewichts und der Vielfalt bei. Kein Wunder also, dass dieses Handwerk auch von oberster Kulturstelle, der UNESCO, gewürdigt wurde.
Immaterieller Welterbetitel Nr. 5
Unter dem Titel „The Art of Dry Stone Walling: knowledge and techniques“ (zu Deutsch: „Die Kunst des Trockenmauerns – Wissen und Techniken“) landete es bereits 2018 auf ihrer Repräsentativen Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit. Diese wurde nun offiziell erweitert zum Element „The Art of Dry Stone Constructions: knowledge and techniques“. Neu ist aber nicht nur die Ausweitung auf Steinbauten aller Art, sondern auch die geographische Erweiterung der acht Ur-Kandidaten à la Frankreich, Italien, Griechenland etc. auf die Länder Andorra, Belgien, Luxemburg, Österreich – und eben Irland. Damit ist es mittlerweile der fünfte irische Kandidat auf der Immateriellen Welterbeliste, nach Uilleann-Piping (also dem Spielen des irischen Dudelsacks), dem Sport Hurling, der Falknerei und dem Harfenspiel. Zwei „echte“ Welterbestätten gibt es auch in Irland: das archäologische Ensemble von Bru Na Boinne Bend of the Boyne und die Insel Skellig Michael mit seinem schwer zugänglichen Kloster.
Irlands längste Mauer
Aber zurück zu den Trockenmauern. Würde man alle zusammenrechnen, ergäbe das allein in Irland mehrere hunderttausende Kilometer. Die genaue Zahl weiß niemand, wohl aber, wo sich die längste zusammenhängende Trockenmauer befindet. Es handelt sich um die Mourne Wall im nordirischen County Down. Sie verläuft auf einer Länge von rund 35 Kilometern über 15 Gipfel der Mourne Mountain Range, darunter auch den Slieve Donard, dem mit 850 Metern höchsten Gipfel Nordirlands. Die Fertigstellung der vollständig aus lokalem Granit gefertigten Mauer dauerte acht Jahre, von 1904 bis 1912.
Die alte Technik begreifen – am eigenen Leib
Alles dazu und generell über die Tradition des Trockenmauerbaus können Interessierte aus erster Hand von Jenny und Mark Hanna erfahren – in ihrem Workshop „Mourne Stone Walling“. Dessen erster Teil besteht aus einem längeren Spaziergang, bei dem die beiden Grundsätzliches erzählen und Teile der Mourne Wall zeigen. Dann folgt der Praxisteil, in dem Mark die Geschichte dieses Handwerks zum Leben erweckt. Und der Mann kennt sich aus, hat er doch bereits über 400 Meter ursprüngliche Trockenmauern restauriert – und mit jeder Gruppe kommen weitere Meter hinzu. Mit Teilnehmern übt er die (für manche überraschend achtsame) Kunst, Stein auf Stein zu stapeln und diese dann unter anderem mit Hilfe von gespannten Schnüren zu stabilisieren. Neben dem Steinevermessen und Aufschichten bringt Mark, der hier gern vom „frühen irischen Lego“ spricht, Teilnehmern zudem das lyrische Vokabular dieser 5.000 Jahre alten Kunstform bei. Alles in allem wird so ein tieferes Verständnis für die Handwerkskunst und zeitlose Schönheit dieser ikonischen Bauwerke erzeugt, die auch heute noch die atemberaubenden Landschaften Irlands prägen.
Voneinander lernen, aber ja!
All das passt zur Erkenntnis der UNESCO: „Der Trockenmauerbau ist eine von Natur aus soziale Praxis und fördert den Zusammenhalt durch die Weitergabe der damit verbundenen Techniken und Kenntnisse an zukünftige Generationen.“ An anderer Stelle heißt es in der Erklärung: „Die Praxis fördert den gegenseitigen Respekt für die kulturelle Vielfalt durch Zusammenarbeit auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene, da Praktiker aus verschiedenen Regionen und Ländern reisen, um voneinander zu lernen.“ Wohl wahr! Und diese internationale Zusammenarbeit lässt sich dann bestens beim Workshopabschluss feiern – indem die Gäste bei Tee und Kuchen im Freien ihre Arbeit bewundern und sich gegenseitig auf die Schulter klopfen. Oder noch besser: mit einer Übernachtung in einem der nahegelegenen und von den Hannas betriebenen „Green Holiday Cottages“ ausklingen lassen.
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Hintergrund: Die Mourne Mountains in Buch und Film
Filmlocations sind ja generell in Irland und insbesondere in Nordirland ein Riesenthema. Bestes Beispiel: die zu wahren Pilgerstätten mutierten Drehorte der wohl erfolgreichsten Serie ever, „Game of Thrones“. Und da fungieren eben auch die majestätischen Mourne Mountains und ihre umgebenden Wälder als mehrfache Kulisse. Der Tollymore Forest Park etwa ist der „Verfluchte Wald“, in dem – Insider wissen Bescheid – die Wächter auf die Weißen Wanderer trafen und Ramsay Bolton Jagd auf Theon machte. Nicht weit entfernt befindet sich die reale Inch Abbey, Hintergrund für das fiktive Camp von Robb Stark. Zur Erinnerung: In dieser Ruine wurde der „Junge Wolf“ zum „König des Nordens“ ausgerufen. Die majestätischen Berggipfel haben ebenfalls einen starken Auftritt und das gleich in mehreren Staffeln – unter anderem als Portal der Stadt Vaes Dothrak. Von den Granitgipfeln ließ sich übrigens auch C.S. Lewis zu seinen berühmten „Chroniken von Narnia“ inspirieren. Wie sagte der in Belfast geborene Schriftsteller einmal: „Ich habe Landschaften gesehen, vor allem in den Mourne Mountains und im Süden, die mir in einem speziellen Licht das Gefühl gaben, dass jeden Moment ein Riese sein Haupt über den nächsten Bergkamm erheben könnte.“ Wie gesagt, die Mourne Mountains: ein Riesenthema!
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